Der Petitionsflop

Angesichts der us-amerikanischen Kriegsdrohungen rief ich am 30. August auf avaaz.org eine Petition ins Leben, gerichtet an die Bundesregierung und alle Parteien im Bundestag, „sich öffentlich und engagiert jedweden Kriegsplänen entgegen zu stellen und alles ihnen mögliche zu tun, um Syrien befrieden zu helfen“ (friedenspetition.huk.de).

Bis heute haben gerade mal 148 Personen unterschrieben, immerhin 716 haben sich die Petition angesehen. Warum haben 568 nicht unterschrieben, was ist an dem schlichten Text falsch? Vor allem aber: Warum gab es keinen „Schneeballeffekt“, warum blieb es bei nur 716 Besuchern?

Einiges ist den Mängeln der avaaz-Webseite und der Avaaz-Mannschaft anzulasten:

  • Avaaz weist zwar auf die Möglichkeit hin, die Petitionsinhalte durch den Petitionsautoren (im konkreten Fall also durch mich) editieren zu können, aber das funktioniert nicht. Dabei wäre das für die Begründung der Petition wichtig gewesen, denn der ursprüngliche Anlass für die Petition – die drohenden US-Kriegshandlungen – sind (zunächst) vom Tisch, aber nicht der Bürgerkrieg und die einseitige Unterstützung ausgerechnet von radikalislamischen Kräften und Kämpfern für die Errichtung eines „Gottesstaates“. Also der Anlass hat sich geändert, nicht aber das Anliegen. Dies deutlich zu machen, gelingt nicht.Man soll auch ein eigenes Bild einstellen dürfen, das gelingt zwar, aber egal welche Auflösung man wählt, immer wird nur die linke obere Ecke abgebildet. Auch Murks.
  • Auf eine diesbezügliche Anfrage beim Avaaz-Team bekam ich meinen Text von Avaaz zurückgeschickt, ohne ein einziges Wort von Avaaz! Nach dem dritten Versuch gab ich auf.
  • Die Petitionssoftware kann auch nicht richtig rechnen. Aktuelles Beispiel: „148 Unterschriften gesamt… Sie erreichen Ihr Ziel von 200 mit nur 47 weiteren Unterschriften — schaffen Sie das diese Woche?“
  • Die Petitionssoftware unterschlägt Unterschriften oder/und nennt falsche Zeitangaben und falsche Namen für die aktuellsten Unterzeichner (versuchen Sie es selbst: Unterzeichnen Sie und gehen etwas später bzw. am nächsten Tag wieder auf die Petitionsseite. Sie werden sich dort nicht wiederfinden!).
  • Als Petitionsautor kann man die Petition nicht beenden und schon gar nicht das Ergebnis an die potentiellen Adressaten senden. Das liegt allein bei Avaaz.

Offenbar geht es Avaaz nur darum, über die „privaten“ Petitionen zusätzliche Email-Adressen zu aquirieren und diese für ihre eigenen großen Aktionen zu nutzen. Die sind ja nicht schlecht (zum Thema siehe http://www.avaaz.org/de/solution_for_syria_loc/?bGDQcbb&v=28939), aber das Mittel zum Zweck sollte wirklich besser sein.

Hinzu kommt die Sache mit dem Datenschutz, denn avaaz.org sitzt in den USA. Sogar im Klartext sind eine ganze Reihe von Türchen offen, siehe http://www.avaaz.org/de/privacy/.

Eine sehr lesenswerte, kritische Information zu Avaaz findet sich hier: http://www.graswurzel.net/361/avaaz.shtml

Aber es sind ja nicht nur die Mängel bei oder/und Vorbehalte gegen Avaaz. Offenbar hat die negative mediale Berichterstattung über „das Assad-Regime“ und die positive Darstellung der „Rebellen“ in sehr vielen Köpfen bewirkt, dass das Leid der Zivilbevölkerung weniger wichtig erscheint als das Ziel eines „regime change“ [1]. Obwohl am Nachbarn Irak seit 10 Jahren deutlich wird, wohin so ein regime change führt. Afghanistan dito.

Die Petition „Frieden für Syrien“ ist noch aktiv und unterschreiben ist auf jeden Fall besser als nicht unterschreiben!

[1] In dem früheren Beitrag „Die Kuh ist noch lange nicht vom Eis“ ging ich auf eine wohl häufig anzutreffende Meinung ein, viele Syrer „würden in einer solchen Lage – unfähig sich wirkungsvoll zu wehren oder das System zu stürzen – unbedingt wollen, dass ihnen von außen geholfen würde (< Es wären Hunderttausende gerettet worden, wäre das Nazisystem früher besiegt worden >)“. Mir erscheint das nicht nur ein unzutreffendes, sondern vor allem ein für uns hierzulande äußerst bequemes Argument, weil es uns jeder klaren Position enthebt, uns sogar eine schlichte Unterschrift erspart und wir dennoch meinen, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

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One comment

  1. Rumpelstilzchen

    Die Aufforderung, „sich öffentlich und engagiert jedweden Kriegsplänen entgegen zu stellen und alles ihnen mögliche zu tun, um Syrien befrieden zu helfen“, ist ja auch deshalb so wichtig und weiterhin so aktuell, weil Deutschland der Kerngruppe der »Freunde Syriens« angehört (zu den Freunden Syriens – in Wirklichkeit sind es die Freunde der „Nationalen Koalition“, also von Aufständischen – sind die USA, Großbritannien, Frankreich, die Türkei, Saudi-Arabien, Katar, Jordanien, Italien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate).

    Die Freunde unterstützen die Aufständischen mit viel Geld und Waffen und ermöglichen so das schlimme Ausmaß des Bürgerkrieges. Dabei müsste Deutschland schon allein wegen der Lieferung von dual-use-Gütern (Geräte und Chemikalien, die auch für die Giftgasproduktion genutzt werden können) eine aktive friedensfördernde Haltung einnehmen!

    Ich habe die Petition unterschrieben!

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